MA!SCHAU! KUNST?!

Veröffentlicht von: am 30. März 2012

Künstlerische Freiräume in freien Räumen.

Sie sitzen im Café Vincent in Villach, der ehemaligen Stehweinhalle, einem Raum, der zwischenzeitlich auch schon als Kunstraum für „gemmakunstschaun“ genützt wurde. Wie man hier spürt, ist das Gefühl und der Funke der Kunst auf die Räumlichkeiten übergesprungen und hoffentlich gilt das auch für die vielen anderen frei stehenden Räume dieser Stadt. Die Künstlerin im Gespräch mit der Organisatorin, Sheida Samyi trifft Edith Kapeller.

„Gleich zu Anfang und für mich selbst immer von größtem Interesse die Frage:

Warum landet man im Kunstbereich und wie ist deine Geschichte dazu?

Ich habe ja Zeit meines Lebens in einer Bank gearbeitet.

„Das erklärt es eigentlich schon …“

Ja. (lacht) Wir haben als Villacher Gruppe von amnesty international vor 25 Jahren begonnen Kunst-Benefiz-Ausstellungen zu organisieren. Dabei durfte ich mehr und mehr die Welt von KünstlerInnen und ihre Arbeiten kennenlernen. Und diese andere Welt, die sich da für mich aufgetan hat, beeindruckt mich nach wie vor. Ich habe Kunst in all ihren Ausdrucksformen immer als große Bereicherung empfunden.

„Es gab und gibt ganz viele leer stehende Räume in der Stadt Villach und noch mehr junge Künstler ..“

Genau, es gibt viele leerstehnde Räume in der Stadt und es gibt viele KünsterInnen, die gerne ihre Arbeiten präsentieren möchten, oft jedoch vergeblich an die Türen der Galerien klopfen. Daraus ist das Konzept von GEMMAKUN?TSCHAUN. entstanden. Ein Konzept, das einerseits vorsieht, dass jede/r ausstellen kann die/der sich als kreativ, als Künstler empfindet. Da gibt es keine Jury die sagt du schon und du nicht. Und andererseits versuchen wir möglichst viele  Räume in der Stadt für die Kunst zu öffnen, Schaufenster leerstehende Räume, Banken, Boutiquen etc. Heuer werden 300 KünstlerInnen in 60 verschiedene Räume im Zentrum Villach einziehen.

„Das wunderbare daran war/ist, dass man da erst gesehen hat, welches kreative Potential in dieser Stadt steckt.“

Ganz und gar unglaublich! Die Kreativität der Menschen in dieser Stadt ist eine ganz und gar unglaubliche, überwältigend und vielfältig. Egal, ob ein fünfjähriges Kind oder eine alte Dame, die vielleicht ihr ganzes Leben lang gemalt hat und bei dieser Gelegenheit den Mut findet ihre Bilder zu zeigen, und viele junge Menschen zeigen ihre Arbeiten, einfach eine bunte Palette. Zusätzlich zu den Villacher KünstlerInnen laden wir dann auch die sogenannten großen Namen ein, Giselbert Hoke zum Beispiel. Eine seiner „NADA“s wird dreieinhalb Wochen zu sehen sein. (Und zwar im  Pleamle-Shop!  Anm. d. Red.)

„Wie reagieren Künstler auf so eine Einladung? „

Die KünstlerInnen empfinden GEMMAKUN?T-SCHAUN. als ein sehr spannendes Projekt, als gelebte Kunstvermittlung, als Versuch ein ganz breites Publikum anzusprechen und freuen sich dabei zu sein, wenn ganz Villach zur Galerie und zum Kunstraum wird. Wie gesagt, es sind heuer über 300 KünstlerInnen aus allen Kunstsparten die unsere Einladung gerne angenommen haben. Es melden sich, oft auch via facebook, KünstlerInnen von Sarajevo bis Berlin, von Chile bis Japan, unentdeckte Talente genauso wie renommierte KünstlerInnen.


„Bleibt der Schwerpunkt der Arbeiten immer noch in der Bildenden Kunst, oder gibt es da eine Verlagerung?“

Die Bildende Kunst ist nach wie vor ganz stark vertreten, doch mehr und mehr sind bei GEMMAKUN?TSCHAUN. auch Theater, Performances, Literatur,  Film, Musik und Tanz zu sehen und zu hören. 2010 gab es bereits einen Theatertag. Damals haben wir „das kleinste Theater der Welt“, das Kremlhoftheater, mit einem Hubstapler aus seinem Gartem gehoben, auf einen LKW gepackt um es dann am Hauptplatz  wieder aufzustellen. Dort wurde dann den ganzen Tag gespielt. Das gehört übrigens zu den Prinzipien von GEMMAKUN?STSCHAUN., soviel als möglich Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen. So, dass man quasi über Kunst stolpert. Heuer werden wir „das längste Theater der Welt“ präsentieren.

„Nach dem kleinsten Theater der Welt, das längste Theater? Räumlich oder zeitlich?“

Zeitlich. Franz Kafkas „Hungerkünstler“ wird ganze sieben Tage lang durch die Stadt ziehen. Und der grandiose Adolfo Assor aus Berlin kommt, das Mimamusch Theater aus Wien und – fast schon traditionell – a.c.m.e,- und Special Symbiosis mit neuen Stücken.

(grinst) „Das gefällt mir.“

Es wird aber auch viele Performances geben von Künstlern aus Berlin und Wien, die multimedial arbeiten. Die „Hasentöchter“ werden dabei ihr Unwesen treiben, die „New Wedding Avantgarde“  ebenso und im „Damensalon“ wird es ganz und gar nicht damenhaft zugehen.

„Wie sieht es mit Videokunst und Film aus? Da ist mir aufgefallen, dass diese Kunstrichtung in den letzten Jahren nicht stark vertreten war, obwohl sie in der Kunstszene vermehrt anzuteffen ist. „

Es wird im KUNSTHAUSSUDHAUS etliche Videofilme geben, unter anderem von Birgit Pleschberger. Und in Zusammenarbeit mit dem K3Filmfestival einen eigenen Kinoabend.

„Möchtest du dabei bleiben, dass die Jury für die 6 Gemmas aus einer Jury von 20-25 Schülern besteht?“

Wir haben uns ganz bewusst für die SchülerInnen der Hauptschule Landskron als Jury entschieden. Im Grunde ist jede Auszeichnung eine subjektive und anstatt dies zu verschleiern, soll es bei GEMMAKUN?TSCHAUN. ganz offensichtlich sein. Nicht der Markt oder der Name soll den Wert bestimmen, sondern allein die subjektiven Blicke der Schülerinnen und Schüler.

„Es sind ja alle  Altersgruppen in der Kunst und verschiedenste Kunstrichtungen vertreten,  warum gelten für die Jury nicht wieder die gleichen Kriterien? Da geht es mir darum, vielleicht noch anschaulicher und breiter zu demonstrieren, wie Kunst wahrgenommen und beurteilt wird. Ein nicht so unwichtiger Aspekt für den Künstler selbst.“

Danke für die Anregung. Das ist durchaus ein überlegenswerter Ansatz und wir werden darüber diskutieren.

Wurde das Projekt von Anfang an gut angenommen oder musstest du darum kämpfen?“

Nein, ganz im Gegenteil. Es waren alle sehr schnell recht angetan. Die KünstlerInnen, auch die Geschäftsleute und Besitzer leersthender Räume. Manchmal braucht es halt ein bisserl Überzeugungsarbeit weil hin und wieder ein wenig Skepsis den KünstlerInnen gegenüber da ist. Doch die verschwindet dann beim gegenseitigen Kennenlernen meist sehr schnell. Auch die Stadt Villach hat das Projekt von Beginn an finanziell und auch mit Rat und Tat sehr unterstützt, und auch den Sponsoren sei an dieser Stelle recht herzlich gedankt!

„Wenn das Projekt noch internationaler wird, gibt es dann in dem Bereich sicher auch schöne Begegnungen, bei denen man Vorurteile über die Kunst abbauen kann. Apropos international, möchtest du dieses Konzept auch gerne in einer anderen Stadt umsetzen?“

Nein. Nein, wirklich nicht. (lacht) GEMMAKUN?TSCHAUN. ist für Villach, hier finde ich es spannend, hier passiert es. Und das soll auch so bleiben.

Wir danken den beiden Damen für das Gespräch und freuen uns auf GEMMAKUN?TSCHAUN. 2012!

 

SHEIDA SAMYI


Nach ihrer Ausbildung als Computergrafikerin an der Parsons School of Design in New York und praktischen Weiterbildung in Los Angeles arbeitet sie als Textkünstlerin vorwiegend im Bereich der Bildenden Kunst.

Aufgrund der jahrelangen Entwicklung einer von beiden seiten lesbaren Schrift, den „duplikatenzen“ (Ausstellungen in Wien, London, New York/Guggenheim) und der aufwendigen Arbeit an dem beidseitig lesbaren Buch „Kunst ist am Ende – Ende nie ist Kunst“ entstand ein eigenes, unverwechselbares Schriftbild.

Ihre beschrifteten Objekte, Foto- und Videoinstallationen betonen die Vieldeutigkeit von Worten und ihre Wandelbarkeit mit der jeweiligen Umgebung. Auch in ihrer Lyrik (Preisträgerin des Lyrikwettbewerbs der „Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichts“, ,,Kärntner Lyrikpreis“, ) ihren Poesiefilmen und  Theaterproduktionen (Regie, Text, Video)  lässt sie der freien Deutung mehr als den üblichen Spielraum.

www.sheidasamyi.com

EDITH EVA KAPELLER


Edith Eva Kapeller verdiente ihren Lebensunterhalt in einer Villacher Bank. Schon früh engagierte sie sich für die Menschenrechte,betreute Schubhäftlinge und gehört seit vielen Jahren zur Villacher Gruppe von amnesty international. Seit zwei Jahrzehnten organisiert sie für amnesty international Kärntens größte BenefizKunstAusstellung.Im KUNSTHAUSSUDHAUS der Villacher Brauerei zeigte sie in der Reihe „DIE ZWEI“ Hans Staudacher und Peter Strovs, Giselbert Hoke und Janez Bernik und weitere große Aussstellungen. Seit 2006 oganisiert sie biennal GEMMAKUN?TSCHAUN.

www.gemmakunstschaun.at