EIGER NORDWAND

Veröffentlicht von: am 30. September 2011

Die Eigerbesteiger 2011.

06.30 Uhr, Tagwache im Hotel Bellevue des Alpes, am Fuße der Eiger Nordwand, Plateau Kleine Scheidegg, Schweiz. Es gilt rechtzeitig auf den Beinen zu sein, um der Erstbesteigung der Eiger Nordwand beizuwohnen, um dieses Ereignis, dieses Geschichteschreiben aus nächster Nähe mitzuerleben. Es ist kalt, nebelig und der Gin-Tonic des Vorabends steckt noch in den Knochen, was das Aufstehen etwas mühsam macht.

So geht es uns jedenfalls heute, wahrscheinlich ist es aber den Zeitungsberichterstattern im Jahr 1936 nicht viel anders ergangen. Sie warten seit Tagen auf Wetterbesserung um von der Hotelterrasse aus in ihre Fernschreiber zu tippen, was sie mit ihren Ferngläsern erspähen. In einer Entfernung von ca. 400m Luftlinie erhebt sich vor dem einzigen Hotel auf der Kleinen Scheidegg (Ortsbezeichnung der Hochebene) die mächtige Eiger Nordwand, mit ihren 1650 Metern eine der höchsten Gebirgswände Europas. An deren Fuß zelten einige Bergverrückte, die – sobald sich das Wetter bessert – die Nordwand als erste Besteiger bezwingen wollen: die Deutschen Toni Kurz und Andreas Hinterstoißer und die Österreicher  Willy Angerer und Eduard Rainer. Es wäre ein prestigeträchtiger Sieg, verbunden mit Ruhm und lebenslanger Ehre, der größte noch ausstehende Erfolg der Kletterer über die europäischen Berge. Die Weltpresse war vor Ort, die Bergsteiger wurden von Deutschland durch Propaganda vereinnahmt (im Rahmen der Olympischen Spiele 1936 versprach Hitler den Erstbesteigern eine Goldmedaille).

Heute, als wir erstmals durch die Fenster des altehrwürdigen Frühstücksalons des Hotels (erbaut im 19. Jahrhundert) blicken, geht es eher um unzählige Japaner und Inder denn um Ruhm und Ehre. Wir bestaunen auch eine Art von Erstbesteigung. Die Erstbesteigung des Zuges am Bahnhof Kleine Scheidegg von bis zu 500.000 Personen jährlich. Die Zugfahrt wird durch den Eiger hindurch zum höchstgelegenen Bahnhof Europas führen, auf das Jungfraujoch in einer Höhe von 3.454m.

Die Nebeldecke reißt auf, der Wetterbericht hat Gottseidank nicht gehalten, was er angedroht hat und der Blick auf das einmalige Bergpanorama verscheut die letzte Müdigkeit aus den Knochen der Wartenden. Die Zeitungsberichterstatter drängen auf die Terrasse. In der Nordwand erkennen sie die Deutschen, welche, die Sonnenstrahlen vorausahnend, bereits einige Meter in die Wand eingestiegen sind, dicht gefolgt von den Österreichern.

Uns gegenüber sind die Japaner in den Zug eingestiegen, dicht gefolgt von den Indern. Der Schweizer Käse hielt auch uns nicht länger am Frühstücksbuffet, wir wollen auf den Berg. Beim Bahnhof wird ein Ticket (fast zum Preis einer drei-Länder-InterRail-Tour) gelöst und zwanzig Minuten später fahren wir schon mitten durch den Eiger. Mit einer Bahn, die sich der Schweizer Unternehmer und Eisenbahnpionier Adolf Guyer-Zeller am 27. August 1893 als Prestigeobjekt in den Kopf gesetzt und verwirklicht hat. Spatenstich am 27. Juli 1896, fertig gestellt 16 Jahre später am 1. August 1912, nach einigen Unfällen mit sechs toten Bergleuten und einer Sprengstoffdepot-Explosion („War bis Deutschland zu hören…“ schrieben sie damals).

Nach einigen Minuten bereits der zweite Halt. „Eigerwand“, 2.864m über dem Meer. Fünf Minuten Zeit, um durch große Glasscheiben aus dem Berg hinaus in die Wand zu schauen. Doch wir schauen in eine Nebelwand, es hat wieder zugezogen.

Ähnlich vor 75 Jahren. Mitten in der Nordwand sind Kurz, Hinterstoißer, Angerer und Rainer gefangen. Angerer ist durch Steinschlag am Kopf verletzt, was die beiden konkurrierenden Seilschaften dazu bewogen hat, sich zusammen zu schließen, alleine wären sie verloren. Gemeinsam versuchen sie zunächst weiter aufzusteigen. Hinterstoißer hat eine Querpassage durch die Schlüsselstelle entdeckt, eine beinahe senkrecht abfallende Wand aus Fels und Eis, heute bekannt als „Hinterstoißer-Quergang“. Es stürmt, jeder Meter voran ist unendlich mühsam und unendlich gefährlich. Gesichert mit steif gefrorenen Hanfseilen, geführt in steif gefrorenen Wollhandschuhen.

Wir fahren weiter im beheizten Zug, die Hightech-Funktionsbekleidung wird im Rucksack verstaut. Auf 3.158m Seehöhe der nächste Stopp, Station „Eismeer“, gleiches Schauspiel: Kurzaufenthalt zum Bestaunen des Nebels durch die Bergschaufenster. Oben angekommen marschieren wir durch eine weitläufige Anlage (Bahnhof, Eishöhle, indisches Restaurant, Souveniershop – alles in den Berg gesprengt) ins Freie. Und wir werden für die „Mühe“ belohnt. Herrliches Wetter, herrlicher Rundumblick, herrliche Gletscheranblicke, herrlicher Glückshormonausstoß. Die Sicht auf die Gipfel ist überwältigend, fast alle über 4.000m hoch. Wir haben den Eiger in ihm selbst umrundet und stehen auf dem Jungfraujoch mit dem Blick auf Eiger‘s „Rückseite“, Mönch‘s Gipfel und Jungfrau‘s Ostflanke. Diese drei wohl berühmtesten Gruppen-Gipfel der Schweiz präsentieren sich uns heute in aller Pracht. Rechts vor uns fließt der Aletschgletscher (größter der Gletscher der Alpen) unendlich langsam in das Tal, links vor uns rutschen Japaner und sonstige Sportbegeisterte mit allerlei Schlittengeräten und geborgten Snowboards über eine präparierte kurze Piste. Frei nach Felix Mitterers Piefke-Saga haben die Schweizer Freunde hier dem Hochgebirge einen Snow-Funpark aufgepflanzt, mit Tyrolienne, Zauberteppichlift und Rodelbahn.

Wir wandern weiter zur Mönchsjochhütte und entdecken unterwegs das Alpine-Planking für uns. Das „einfach-so-in-den-Schnee-köpfeln“, was anderen Wanderern nur ein „Aha, z´viel vom Schnaps derwischt?“ entlockt, bringt uns auf Dauer ziemlich aus der Puste. Die Luft ist doch schon recht dünn hier oben. Sechs Stunden verbringen wir am Gletscher, der strahlenden Sonne in den Liegestühlen ausgeliefert, was sich an der Gesichtsfarbe noch bemerkbar machen wird, dann geht’s wieder zur Talfahrt.

75 Jahre zuvor sind die Helden seit Stunden der eisigen Kälte ausgeliefert und erkennen die Ausweglosigkeit des Gipfelsturmes. Sie kehren um, schon fast erfroren. Den Hinterstoißer-Quergang können sie nicht mehr nutzen, das von ihnen eingerichtete Geländerseil haben sie wieder mitgenommen, eine Umkehr war nicht eingeplant. Durch Lawinenabgang und Steinschlag kommen Hinterstoißer, Angerer und Rainer ums Leben. Rettungsmannschaften steigen durch den Tunnel der Bergbahn auf, durch den wir gerade ins Tal fahren. Durch ein Stollenfenster steigen die Retter in die Wand. Der letzte Überlebende, Toni Kurz, versucht sich zu ihnen abzuseilen, Ein Knoten im Seil verhängt sich im Karabinerhaken, das Seil ist damit zu kurz und er kommt tragisch, einige Meter über den Köpfen der Bergretter hängend, ums Leben. Drei Tage danach erlässt die Regierung des Kantons Bern ein Besteigungsverbot für die  Eiger Nordwand. Rechtlich nicht haltbar wurde es jedoch bereits im November 1936 wieder aufgehoben. Dafür wurde die Bergrettung ihrer Hilfeleistungspflicht an der Nordwand entbunden.

Von all diesen Dramen ist heute nur mehr wenig zu bemerken. Die Geschäfte mit dem Eiger laufen gut, doch die Nordwand hat kaum an Respekt eingebüßt, ist trotz bester Ausrüstung noch immer eine große Herausforderung und fordert jährlich auch neue Opfer.

Wir erholen uns von unserem Sonnenbrand mittlerweile im Bellevue des Alpes. Genau wie die Bergwelt ringsum, ist dieses Hotel auch etwas Einzigartiges. Ein historisches Juwel in bestem Zustand und in atemberaubender Lage. Der Pioniergeist ist hier noch zu spüren und jeder, der aus den Bergen hierher zurückkehrt, fühlt sich ein bißchen als „Eigerbesteiger“ und Held. Das liegt aber vielleicht auch an der dünnen Luft und der starken Sonne …