STEINERNE FASZINATION

Veröffentlicht von: am 1. März 2011

Ein Nationalpark der
besonderen Art.

Wolken ziehen über den klar blauen Himmel, manche der massiven Bergkämme glühen im Rot der Abendsonne, ein Adler zieht anmutig seine Kreise über die schroffen Felsformationen, deren Steilhänge scheinbar mühelos von Gämsen erklommen werden. Zwei Steinböcke rangeln spielerisch auf felsigen Spitzen, während auf saftig grünen Almwiesen Murmeltiere neckisch ihre Köpfe aus dem Bau strecken. Kristallklare Bergseen, gewaltige Wasserfälle und sanft sprudelnde Gebirgsbäche – unberührte Landschaft, welche die Kraft der Natur in ihrer schönsten und beeindruckendsten Form zeigt. Hinzu kommen Jahrtausende alte Pfade auf denen schon die Römer die Alpen querten und eine außergewöhnlich artenreiche Pflanzen- und Tierwelt, sowie zahlreiche Bodenschätze.
Ansammlung von Superlativen
Das sind die Hohen Tauern – Heimat des ältesten und größten Nationalparks Österreichs, gelegen in den Bundesländern Salzburg, Tirol und Kärnten, und eine Ansammlung von Superlativen. Ist er doch auch der größte Nationalpark im gesamten Alpenraum, eines der größten Schutzgebiete in Europa und definitiv eine der großartigsten Hochgebirgslandschaften weltweit. Aufgrund seiner Skyline von mehr als 300 Dreitausendern verdient er auch die Bezeichnung „das Dach Österreichs“. Der Kärntner Teil des Nationalparks feiert heuer seinen 30. Geburtstag, ein weiterer Grund sich die Gegend rund um den Großglockner mal genauer anzuschauen ..

Die Baumeister
Charakteristisch für den Nationalpark Hohe Tauern sind ausgedehnte Gletscherfelder, eiszeitlich geformte Täler mit imposanten Talschlüssen sowie mächtige Schwemm- und Murenkegel. Die Baumeister dieser teils bizarren Landschaftsformen waren Feuer, Eis und Wasser. Ein Blick durch das Tauernfenster ermöglicht eine Rückschau in viele Millionen von Jahren der Erdgeschichte. 
Das „Tauernfenster“ ist geologisch gesehen eine Sensation: Die höchsten Berge der Hohen Tauern werden aus Gesteinsschichten gebildet, die sonst in den Alpen die tiefsten Stockwerke bilden. Zudem befinden sich im Zentrum dieses „geologischen Fensters“ vier massive Gneiskerne. Entstanden aus flüssigem Magma bilden sie heute so berühmte Gipfel wie den Gr0ßvenediger oder den Hohen Sonnblick.

Nach dem Feuer wurde dann das Eis zur gestaltenden Kraft in den Hohen Tauern, denn während der Eiszeiten hatten die Alpengletscher eine weitaus größere Ausdehnung als heute. Nach dem weitgehenden Rückzug des Eises sind in den Karen der Hohen Tauern an die 150 Bergseen entstanden. Juwelen gleich, schmücken diese unberührten Gewässer die Hochgebirgslandschaft und nähren, wie die Gletschertore, den Ursprung hunderter Gebirgsbäche. Diese stürzen, vor allem zur Zeit der Schnee- und Eisschmelze, mit Urgewalt zu Tal, wobei sich an Steilstufen oft grandiose Wasserfälle bilden: so sind die Krimmler Wasserfälle mit einer Gesamtfallhöhe von 380 m die höchsten Europas!

Zeitzeugen
Zeugen längst vergangener Zeiten sind die Gletscher des Nationalparks. Sie entstanden dort, wo die sommerlichen Temperaturen nicht ausreichten, um den im Winter gefallenen Schnee wieder abzuschmelzen. Und obwohl sich die Gletscher der Alpen seit Jahrzehnten im Rückzug befinden, beherbergen die Hohen Tauern noch heute eindrucksvolle Schätze des Eisgebirges.
Wie zum Beispiel den Pasterzengletscher, mit 9 km Länge und fast 19 km2 Fläche, der größte Einzelgletscher Österreichs. Oder das Massiv des Großvenedigers, welches mit dem Eis der größten zusammenhängenden Gletscherfläche der Ostalpen gepanzert ist. Dort wo sich die Gletscher zurückgezogen haben, entsteht eine sich rasch verändernde Landschaft: Zuerst prägen noch vom Gletschereis aufgetürmte Schuttmoränen das Landschaftsbild, aber schon bald beginnen die Pioniere der Pflanzenwelt mit der Wiederbesiedelung.

Unglaubliche Vielfalt
Ein Drittel aller in Österreich vorkommenden Pflanzenarten und an die 10.000 Tierarten leben im Nationalpark Hohe Tauern. Acht Monate im Jahr herrscht tiefster Winter, Frühling und Herbst fallen nahezu aus. Hochgebirgslebewesen müssen Spezialisten in der Stressbewältigung sein. Viele von ihnen haben ganz spezielle Anpassungen im Körperbau, in der Physiologie und im Verhalten. Daher können sie nur hier überleben. Ein Ausweichen in andere Lebensräume ist nicht möglich. In den Sommermonaten aber strahlen die Hohen Tauern unglaubliche Lebenskraft aus. Unzählige Blumen treiben kräftig gefärbte Blüten aus und locken mit intensiven Duftstoffen Insekten zur Bestäubung. Auf den Bergwiesen breiten sich schillernde Blütenmeere aus. Schneehühner versammeln sich auf Balzplätzen, Murmeltiere sonnen sich auf Steinplatten, Kolkraben führen regelrechte Kunstflüge durch. Die Flora und Fauna präsentiert sich in all ihrer Pracht und Vitalität.

Beeindruckende Tierwelt
Die großen Fünf sind nur die berühmtesten der bereits erwähnten 10.000 Tier- und 1.800 Pflanzenarten,t die im Nationalpark Hohe Tauern einen naturnahen und gesicherten Lebensraum finden.
Unter den Großtieren der Hohen Tauern ist die tagaktive, ziegenähnliche Gämse am öftesten zu beobachten.
Der Steinbock, eines der imposantesten Säugetiere der Hohen Tauern, zählt zu den echten Ziegen und kann sich daher mit der Hausziege erfolgreich paaren. Der Bock verfügt über mächtige, nach hinten gebogene Hörner mit bis zu 1 m Länge und 15 kg schwer, während die Geiß nur kurze, kaum gebogene Hörner hat.
In der Vogelwelt der Hohen Tauern sind die Gänse- oder Weißkopfgeier eine ausgesprochene Besonderheit. Es ist das einzige Gebiet im gesamten Alpenraum, sogar in ganz Mitteleuropa, in welchem regelmäßig wilde lebende Geier zu beobachten sind. Alljährlich halten sich in der Zeit von Mai bis September, oft auch bis in den Oktober hinein, ca. 30 bis 40, gelegentlich auch 50 Tiere auf.
Mit bis zu 2,9 m Flügelspannweite zählt der Bartgeier zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Im Flug ergeben die oft hängenden Flügel und der hängende Schwanz gemeinsam mit dem abwärts gerichteten Kopf das typische Erscheinungsbild dieses Greifvogels, um den sich zahlreiche Mythen und Geschichten ranken. Der alte Name Lämmergeier deutet an, dass dieser riesige Aasfresser nach Ansicht der Bevölkerung früher oft für das Verschwinden von Lämmern und Schafen die Schuld zu tragen hatte. Schenkt man alten Legenden Glauben, soll er sogar Kinder geraubt haben. Der Bartgeier lebt jedoch von Aas und verwertet auch das, was von anderen Tieren von Kadavern übrig gelassen wird. Ein Großteil seiner Nahrung (bis zu 90%) besteht nämlich aus Knochen, die er dank seines besonders sauren Magensaftes vollständig verdauen kann.

Natur- und Kulturlandschaft
Wilde Urlandschaft und bergbäuerliche Kulturlandschaft. Das sind die beiden Gesichter des Nationalparks Hohe Tauern. Das Schutzgebiet erstreckt sich über weite, alpine Urlandschaften wie Gletscher, Felswände und Rasen sowie über die Jahrhunderte lang sorgsam und mühevoll gepflegten Almlandschaften. Seit 5.000 Jahren lebt der Mensch dauerhaft in den Talschaften der Hohen Tauern. Die Suche nach Erzen führte ihn einst hierher. Im Laufe vieler Jahrhunderte entstanden hoch oben über der Waldgrenze weite Almlandschaften – beweidet von Haustieren und sorgsam gepflegt von fleißigen Bauernhänden. Eine Besonderheit des Nationalparks Hohe Tauern ist, dass nicht nur reine Naturlandschaften sondern auch von Bauern geschaffene Kulturlandschaften im Schutzgebiet liegen. Eine außerordentliche Artenvielfalt an Tieren und Pflanzen aber auch eine Fülle profaner und sakraler Kleinode bäuerlichen Daseins sind das Ergebnis dieser lang andauernden Symbiose zwischen wilder Natur und Kulturlandschaft. Die Außenzone des Nationalparks ist ein Eldorado für genüssliche Wanderungen inmitten einer Landschaft, welcher der Mensch trotz mühevollster Arbeit stets freundschaftlich gesinnt war und die er immer zum Überleben gebraucht hat. Bergmähder in voller Blütenpracht, kräftige und gesunde Haustiere, schmackhafte Almprodukte, Almhütten und Kapellen, glasklare Luft und völlige Abgeschiedenheit vermitteln ein archaisches Bild einer Landschaft, in der es sich lohnt, ein wenig zu verweilen. Der im Nationalpark praktizierte sanfte Tourismus ist ein Garant dafür, dass das auch so bleibt.

Der Nationalpark Hohe Tauern hat auch eine lange Forschungstradition, die Erforschung der Gebirgslebensräume begann schon im 18. Jahrhundert. Zahlreiche von der Nationalparkakademie angebotene Bildungsprogramme, Vorträge und Veranstaltungen tragen Sorge, dass der sorgsame Umgang mit dem Naturjuwel auch in Zukunft gesichert ist.

Im Nationalpark Hohen Tauern findet man…
… mehr als 300 Berggipfel über 3.000 m Seehöhe
… 342 Gletscher mit einer Gesamtfläche von 130 km2
… 279 Bäche, davon 57 Gletscherbäche
… 26 bedeutende Wasserfälle (und unzählige kleinere Wasserfälle)
… 551 Bergseen zwischen 35 m2 und 27 ha
… den höchsten Berg Österreichs, den Großglockner mit 3.798 m
… den größten Einzelgletscher der Ostalpen, mit einer Eisdicke von bis zu 250 Metern
… die größte, zusammenhängende Gletscherfläche Österreichs
… die letzten unverbauten Gletscherbäche Österreichs
… über 40 Adlerbrutpaare mit zahlreich umherstreifenden Jungadlern
… die einzige wild lebende Gänsegeierpopulation in den Ostalpen
… die am höchsten vorkommende heimische Amphibienart, der Alpensalamander
… den größten in den Ostalpen lebenden Greifvogel, den Bartgeier
… das Tier mit den größten Hörnern im heimischen Tierreich, der Alpensteinbock
… die am höchsten vorkommende Blütenpflanze, der Gletscherhahnenfuß
… den kleinsten Baum der Welt, die Kraut- oder Zwergweide
… den größten, in sich geschlossenen Zirbenwald der Ostalpen mit mehr als 100 ha

 

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