ROBERTO BURLE MARX

Veröffentlicht von: am 1. September 2010

oder die leicht verträgliche Poesie der Landschaft.

Brasilien: eines der größten Länder der Welt mit faszinierender Diversität an Landschaft und Natur. Von den tropischen Regenwäldern des Amazonas-Tieflandes bis zu den unendlichen Sandstränden von Rio de Janeiro, von den labyrinthartigen Iguazu-Wasserfällen zum Felsen-Canyon in der Serra Geral von Rio Grande do Sul. In kaum einem anderen Land ist üppige und abwechslungsreiche Vegetation im Alltag so präsent wie hier. Für die Menschen in Brasilien bedeutet Natur ein schier unerschöpfliches Reservoir an Nahrung und Lebensraum wie auch an Energie und Inspiration.
Doch wie verhält sich Natur, wenn sie mit dem Lebensraum Stadt konfrontiert wird? Wie vertragen sich Landschaft und Naturraum mit Millionenmetropolen wie São Paulo oder Rio de Janeiro?

Roberto Burle Marx, der Doyen der brasilianischen Landschaftsarchitektur fand in einer eindrucksvollen Symbiose zwischen organischen und geometrischen Formen individuelle Lösungen für diese Herausforderung. Sein umfassendes Werk an Gärten, Parks und öffentlichen Stadträumen skizziert eine poetische Verknüpfung zwischen den unterschiedlichen Charakteren einer städtischen und ruralen Identität. Mit seinem Credo „ein Garten ist organisierte Natur, in der Schönheit durch Farben, Formen, Rhythmen und Volumen geschaffen wird“ schuf Roberto Burle Marx einzigartige Orte der Landschaft inmitten von pulsierenden Großstädten. Dabei wurden seine eigenwilligen, plastischen Kompositionen zur individuellen Ausdrucksform einer selbstbewussten brasilianischen Identität des 20. Jahrhunderts.

Roberto Burle Marx wurde 1909 in São Paulo als Sohn eines deutschen Einwanderers und einer Brasilianerin mit holländischen Vorfahren geboren. Durch zahlreiche Wohnsitzwechsel wurde er bereits während seiner Kindheit und Jugend mit der Vielfalt der Natur Brasiliens konfrontiert. Ein Aufenthalt in Berlin 1928-29 brachte ihm die lebendige Kunstszene der Weimarer Republik näher. Besonders die Besuche des Botanischen Gartens in Dahlem und die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Pflanzen und Gewächsen brachte ihm die Landschaftsarchitektur näher.
Wieder zurück in Brasilien studierte er Architektur und Malerei an der Kunstakademie von Rio de Janeiro bei Lucio Costa, dem späteren Planer Brasilias, sowie dem aus Meran stammenden Maler Leo Putz. Vor allem Putz’ Einfluss inspirierte Roberto Burle Marx zu Arbeiten an einer expressiven Gestaltung der Landschaft. Er wurde Mitglied einer Generation von Architekturschaffenden und Künstlern der neuen brasilianischen Avantgarde, die von nun an den Begriff der „Moderne“ prägen sollte: Oscar Niemeyer, Carlos Leão, Candido Portinari und andere.

Das wichtigste öffentliche Gebäude der Moderne in Rio de Janeiro – das Bildungsministerium – verschaffte 1936 Roberto Burle Marx den Durchbruch als Landschaftsarchitekt. Mit einer völlig neuartigen Gestaltung des Außenraums auf drei Ebenen gelang es Burle Marx eine enge Symbiose zwischen Architektur und Natur mit vielfältiger Nutzungsqualität herzustellen. Dabei kontrastiert die organisch-plastische Gestalt des Freiraums unmittelbar mit den klaren Geometrien der Baukörper. Das Erdgeschoß des auf Pilotis stehenden Bürobaus fungiert als öffentlich zugängliche Kommunikationszone mit fließendem Übergang zwischen Garten und Gebäude. Im zweiten Obergeschoß schuf Burle Marx eine begrünte Freifläche mit repräsentativem Charakter. Der Dachgarten schließlich schafft durch eine spektakuläre Sichtbeziehung zum Zuckerhut eine einzigartige Großzügigkeit, mit der die urbane Dichte des Standortes aufgelöst wird.

Ein weiteres Projekt mit großer Öffentlichkeitswirksamkeit war die Freiraumgestaltung des Außenministeriums in der neu errichteten Hauptstadt Brasilia. Burle Marx hatte stets kritisiert, dass der Hauptstadtbau von 1956-60 vor allem die Bedeutung der Architektur fokussiert hatte, jedoch kein landschaftsplanerisches Konzept entwickelt worden war. Es war für ihn unverständlich, eine Stadt an einem Ort von hunderten Hektar abgeholzter Vegetation zu bauen und der Landschaftsarchitektur keinen Raum zu geben.
Als er schließlich doch 1965 mit Planungen für Brasilia beauftragt wurde, war seine Rolle naturgemäß stark eingeschränkt, musste er doch den Freiraum den bereits errichteten Gebäude nachträglich hinzufügen. Dennoch ist ihm bei dem von Oscar Niemeyer gebauten Außenministerium ein ausgezeichnetes Projekt gelungen. Roberto Burle Marx setzte das Gebäude durch weitläufige Wasserflächen geschickt in Szene, „schwimmende Inseln“ mit üppiger Vegetation kontrastieren mit der klaren Geometrie der Fassade. Wasser fungiert hier als besonders wertvolles Element in dem trockenen Klima Brasilias und unterstreicht damit die spezifische Bedeutung des Außenministeriums, das sich in Architektur und Freiraum deutlich von den anderen Ministerien unterscheidet.

Das bekannteste Projekt Roberto Burle Marx’ ist zweifellos die Gestaltung der 4 km langen Avenida Atlântica in Rio de Janeiro aus dem Jahr 1970. Die Neugestaltung der Promenade zwischen dem immer dichter wachsenden Stadtteil Copacabana und dem wohl berühmtesten Strand der Welt bewältigte er mit einem dreizonigen Projekt, das als „Filter“ zwischen Stadt und Meer konzipiert war. Die erste Zone direkt an der Gebäudefront organisiert die Nutzung der den Hotels und Restaurants zugeordneten Flächen und besteht aus geometrisch betonter Pflasterung aus rotem, weißem und schwarzem Stein. Der Streifen zwischen den beiden Fahrbahnen beherbergt Serviceeinrichtungen der Stadtverwaltung, die Formensprache ist freier und harmoniert mit der Bepflanzung. Die dritte Zone schließlich schafft den funktionalen Übergang vom Verkehrs- zum Erholungsraum. Sie besteht aus einem breiten Streifen für Fußgänger und Radfahrer, an dem zahlreiche Kioske und Beleuchtungskörper situiert sind. Der hier verwendete schwarz-weiße Stein in Form einer parabolischen Welle wurde seither zum Trademark für Rio de Janeiro. Mit diesem Gestaltungselement verschaffte Roberto Burle Marx der Copacabana eine unverwechselbare Identität, die den Ort bis heute als weltweit einzigartig auszeichnet.

Roberto Burle Marx hatte bis zu seinem Tod 1994 zahllose weitere Projekte von Parks und Platzgestaltungen unterschiedlicher Größenordnung realisiert. Allen Projekten ist gemein, dass er stets den Dialog zwischen formal-ästhetischem Ausdruck und funktionalem Anspruch gesucht hat. Dabei ist es ihm gelungen aufzuzeigen, dass Stadt und Natur durch kreative Gestaltung zu einer lebendigen Symbiose fähig sind.

„Natur ist wie eine Symphonie, deren Elemente miteinander harmonieren: Form, Farbe, Geruch, Maßstab, Bewegung.“