MIRADES de BARCELONA

Veröffentlicht von: am 29. September 2010

Lieben und Leben in der Katalanischen Metropole.

Diese Stadt verführt und sie hat auch mich in ihren Bann gezogen. Als ich vor fünf Jahren nach Barcelona zog um kopfüber in unbekannte Gewässer einzutauchen, zählte die katalanische Hauptstadt bereits zu den Trendsetter-Städten Europas und war ein außergewöhnlicher Anziehungspunkt für die “kreative Klasse”. Attribute wie cool, lebendig, weltoffen, kosmopolitisch und kulturgeladen beschreiben die Stadt am besten. Wo einst Gaudí und Picasso die berühmten Ramblas entlangschlenderten, drängen sich heutzutage immer mehr Touristen aus allen Herrenländern an Straßenkünstlern, Blumenläden und Tierhändlern vorbei Richtung Hafen. Andere verstreuen sich über den Rest der sogenannten Ciutat Comtal, wo das Stadtbild Überreste der römischen Herrschaft, das mittelalterliche Stadtviertel und die schönsten Beispiele der Avantgarde und des Modernisme vereint – eine Verlockung, der man sich immer aufs Neue hingeben kann. Jedes von Gaudí kreierte Bauwerk erweist sich als Leckerbissen fürs Auge, und gehört ohne Zweifel zu einem der typischen Attribute der katalanischen Metropole. Sehr kennzeichnend ist auch der Stolz der Katalanen auf ihre wirtschaftliche Kraft, auf die eigenen Traditionen wie beispielsweise die Castells (Menschentürme) oder Sardanas (Volkstanz), auf die in der Franco Diktatur verbotene und heute wiederbelebte eigene Sprache, das Català, und natürlich nicht zu vergessen: Das Pa amb tomàquet (Tomatenbrot)!

Barcelona boomt – kein Zweifel – und ist mittlerweile beliebte Anflugdestination der meisten Billigflieger. Dies hat nicht zuletzt dazu beigetragen, dass der Massentourismus zu einem beachtlichen Verlust an Authentizität führte, was sich vor allem in den explodierenden Preisen und Designlokalen widerspiegelt. Doch wenn man es schafft, die trendige Fassade zu durchbrechen und in den Charme der katalanischen Großstadt einzutauchen, wird man sie nur schweren Herzens wieder verlassen. Ihre freundlichen Einwohner, deren immerzu quirlige Vitalität und das südländische Flair lassen einen das Leben oftmals mit mehr Leichtigkeit leben. Durch die kleinen Gassen des Barri Gòtic schlendern, vorbei am jüdischen Viertel mit seiner versteckten kleinen Plaça Felipe Neri, wo man den Geruch der selbstgemachten Seifen der Geschwister Sabater einatmet, einen café cortado auf der Terrasse rund um die Esglesia dels Sants Just i Pastor schlürfen und die Ruhe abseits der Touristenpfade mitten zwischen den alten Mauern des historischen Viertels genießen – das sind die kleinen Momente im Leben die mein Herz eine Spur schneller hüpfen lässt. Gerne schnappe ich mir auch eines dieser roten bicing Stadträder – aufgrund der minimalen Lungenreiztemperaturen auch oft im Winter – die mittlerweile Herrschaft über die gesamte Innenstadt übernommen haben, und strample zur Rambla del Raval, wo am Wochenende junge Künstler hippe Kleider, Taschen, Schmuck und Bilder zu erschwinglichen Preisen anbieten. Vorbei an der riesigen Gat del Raval führt dann mein Weg üblicherweise Richtung Kolumbusstatue und Hafen, wo sich der Moll de la Fusta entlangstreckt. Vorbei an einer Riesenlanguste aus Fiberglas und unzähligen Palmen und Segelbooten, die frische Meeresluft einatmend, biege ich dann in eine kleine Seitenstraße ein, die wieder in die Altstadt führt. Wenn die warmen Sonnenstrahlen durch die Gassen dringen und die Haut streifen, die Luft nach pescaditos fritos duftet, und sich die kleinen Bars rund um die Carrer Ample und Mercé schön langsam füllen, dann ist es Zeit für ein paar Tapas unweit der alten Hauptpost und des Hafens. Das sind dann Momente der Auszeit, des Genießens, denn die emsige Geschäftigkeit und das fast ansteckende Tempo dieser pulsierenden Stadt kann ab und zu auch ganz schön ermüdend sein. Vor allem in den ersten Monaten in Barcelona habe ich Probleme gehabt mich an den Rhythmus der Stadt zu gewöhnen. In vielerlei Hinsicht musste ich mir eingestehen, dass ich manchmal “europäischer” war als ich je zu denken gewagt hätte, und die starke Hervorhebung des katalanischen Selbstbewusstseins und ihrer Sprache kamen mir manchmal ziemlich übertrieben vor.

Aber wenn man die Barcelonesen und ihre Vergangenheit kennenlernt, eingebunden wird in ihre Feste und Traditionen und teilhaben kann an ihrer Kultur, dann wird man auch ihren Stolz verstehen. Und wenn man Raum lässt für spontane Entdeckungen, sich vom Rhythmus und der Dynamik Barcelonas treiben lässt, dann wird man schnell dem eigenwilligen Charme dieser lebendigen Stadt verfallen. So ist es mir auf jeden Fall ergangen…