Dorf und Hof

Veröffentlicht von: am 29. September 2010

Ist jedes Dorf anders und ist Bauernhof gleich Bauernhof?

Im letzten Pleamle Magazin haben wir uns schon mit ländlicher Architektur im Allgemeinen und der sehr gelungenen Revitalisierung eines alten Bauernhauses, der Jaut Keusche in Grosskirchheim, beschäftigt. Dieser Beitrag hat uns aber erst auf den Geschmack gebracht um uns die ländliche Architektur und die alten Bauformen im Alpenraum genauer zu betrachten. Welche Arten ländlicher Siedlungsformen in unserem Umfeld vorherrschen und welche verschiedensten Formen bäuerlicher (Hof-) Architektur es gibt, wurde uns erst wieder bewusst, als wir die Augen öffneten und unseren Blick in die Berge und Täler der Alpen lenkten. Einen unvorstellbaren Schatz an Geschichte, Tradition und „Lifestyle“ aus längst vergangenen Epochen und neuen Zeiten, gebaut mit Liebe zum Detail und großer Sorgfalt für Jahrhunderte gilt es zu entdecken und zu erhalten. Wolfgang Hofherr und ich haben versucht, im Folgenden einen Überblick zu skizzieren, welche Vielfalt an gebauter Tradition uns umgibt.

Zur Siedlung

Im Alpenraum sind über unterschiedlichen Zeitepochen verschiedene Dorfstrukturen entstanden – natürlich immer einen starken Bezug auf die jeweilige Region nehmend. Dabei wurden die ersten ländlichen Siedlungenstrukturen von sogenannten Haufenweilern gebildet. Diese Siedlungen lagen verstreut und sehr unregelmäßig zueinander in den Alpen, Tälern und Ebenen des Alpenvorlandes. Einzelne, durch die tagtäglichen notwendigen Bewegungsabläufe der Bewohner entstandene Wege, verbanden die jeweiligen Häuser. Später, zwischen 7. und 11. Jahrhundert, entwickelten sich aus den Haufenweilern die sogenannten Haufendörfer mit einem richtigen Dorfzentrum.
Parallel entwickelte sich im Westen Österreichs bis ins 11. Jahrhundert das Gassendorf, welches sich entlang einer zentralen Dorfstraße entwickelte. Dann, im 12. und 13. Jahrhundert, wurden diese Straßendörfer bereits oft nach einem Plan entwickelt, der eine großzügige Anordnung von Straßen und Baublöcken auswies. Geradlinige Straßen waren ein auffälliger Bestandteil dieser ersten Urbanisierungstendenzen der bis dato vorherrschenden ungeplanten Siedlungsformen.

Durch die Rätoromanen kam dann die nächste spezielle Form des Dorfes zum Vorschein: Das Massendorf. Als Beispiel sind hier sind einzelne, wunderbar erhaltene Siedlungen in Osttirol hervorzustreichen, wie Obertilliach oder Sillian.Noch vor dem 11. Jahrhundert entstanden die sogenannten Grabendörfer. Wie der Name schon ausdrückt, entstanden diese in den Bach- und Flusstälern des Alpenraumes. Entlang der jeweiligen Wasserläufe entstanden diese Dorfformen, um von den Möglichkeiten die das fließende Wasser bietet (Mühlen) zu profitieren oder auch an den Übergängen zu partizipieren (Brücken, Fähren).
Ein weithin sichtbares und bekanntes Merkmal unserer Dörfer sind die Kirchen und Gotteshäuser, um welche sich im gesamten Alpenraum sogenannte Kirchendörfer entwickelten. Ab dem 11. Jahrhundert bildeten sogenannte Wehrkirchen, mit ihren Wehrtürmen eines der typischen Elemente dieser Dörfer, das Zentrum der Kirchenorte – eine heute noch eine weit verbreitete Form des Dorfes.
In der Betrachtung alpenländischer Siedlungsformen ist das Angerdorf nicht zu vergessen. Hier wird auch noch in Dreieckangerdorf und Rundangerdorf unterschieden. Das prägende Element ist eine große, zentrale Grünfläche – der sogenannte Anger – mit einem Brunnen oder Bachlauf als dominierendes Element. Der Platz ist gemeinnütziger Versammlungsplatz und Mittelpunkt des Dorfes und nimmt somit eine wichtige Rolle im dörflichen Leben ein. Den Anger umschließt eine kleine Rundgasse, welche die eng aneinander liegenden Höfe mit ihren großen Einfahrtstoren erschließt. Dahinter finden sich die den Höfen zugehörigen Äcker, die damit optimal zur Bearbeitung erschlossen wurden.
Im Spätmittelalter kommen die Zeilen- und Reihendörfer auf. Die Zeilendörfer sind entlang überschwemmungssicherer Flussufer und breiter Talhänge einseitig an einer Straßenseite angelegt.
Die Reihendörfer hingegen werden durch die Flurform bestimmt, wodurch die einzelnen Gehöfte bis zu mehrere hundert Meter auseinander liegen und deren zu bewirtschaftendes Land hinter dem Hof zu finden ist.
Genauer zu betrachten ist dann noch das Platz- und das Kettendorf. Das Platzdorf, meist in der West- und Oststeiermark sowie in Oberösterreich zu finden, ist ein Dorf  mit  quadratischem oder rechteckigem Dorfplatz, in dessen Mitte sich eine Dorfkirche befindet.
Im Kettendorf wiederum, hauptsächlich im Mühlviertel oder der südlichen Steiermark zu entdecken, sind im wesentlichen die gleichen Bauweisen wie im Platzdorf anzutreffen, doch sind im lockeren Verband der großen Gehöfte kleine Einzelhöfe eingereiht, die somit eine kleingliedrigere Struktur ergeben.

Zu den Hofformen

Innerhalb dieser hier kurz umrissenen Siedlungsstrukturen bestimmt die Architektur der Bauernhöfe und –häuser sowie deren Anordnung die speziellen Charaktere der verschiedenen, regionalen Bauformen.
Im österreichischen Alpenraum sind hier eine ganze Reihe unterschiedlicher Formen der bäuerlichen Architektur entstanden, die wir hier nun auch kurz skizzieren wollen.

Die Haufenhöfe
Die ältesten bäuerlichen Anwesen sind die Haufenhöfe, auch Gruppenhöfe genannt. Es sind fast beliebig angeordnete Vielgebäudeanlagen mit Einzweckbauten, Wohnhaus, Stall, Scheune, Schupfen, Getreidespeicher, Backofen, Wagenhütte und Stierhütte. Die verschiedenen Stallungen waren oft unter einem Dach, während das Getreidehaus für sich allein stand. Diese Art des Bauernhofes findet man heute noch sowohl in Kärnten als auch in der Steiermark. Man sieht die Erdgeschosse der Wohn- und Wirtschaftsgebäude gemauert und einzelnen Elemente im lockeren Verband, im Winkel oder in lang gestreckter Form angeordnet. Ganz bekannt ist die Kärntner Ringhofanlage, bei der das zweigeschossige Wohnhaus und die eng umstellten Wirtschaftsbauten einen Hof umschließen.

Der Haken- bzw. Streckhof
Beim Streckhof ist der eng aneinander gebaute Wohn-Stall-Scheunen-Schupfen-Trakt im Rechten Winkel mit der Giebelseite des Wohnhauses zur Dorfstraße gestellt. Den schmalen Hof begrenzt die Wand des Nachbarhofes. Der Streckhof ist weit verbreitet im Südburgenland, dem Weinviertel und generell im Donaugebiet zu finden.

Die Vierseithöfe
Der Vierseitenhof ist eine Hofform mit zahlreichen Sonder- und Übergangsformen. Vornehmlich zu sehen sind die Vierseithöfe im Salzburgerland, in Oberösterreich sowie dem Mühl- und Innviertel.
Im Innviertler Vierseiter umschließen die freistehenden Bauten wie das Wohnhaus, die Scheune, der Schupfen und der Stalll einen quadratischen oder vorgezogenen Hofraum. In Niederösterreich werden viele Vierseithöfe durch Streckhaken und Zwerchhöfe gebildet.

Die Dreiseithöfe
Das wichtigste Merkmal des Dreiseithofes sind die zwei Giebel der Wohntrakte, zur Dorfstraße gewandt. Zwischen den beiden Wohntrakten befindet sich die Hofmauer mit dem Eingangstor und dem Gehtürl. Eine quergestellte Scheune schließt den Hof gegen die angrenzenden Felder ab. In der Mitte des Hofes befand sich meistens der Dunghaufen (vlg. Misthaufen). Der hier beschriebene Dreiseithof ist verbreitet im Mühlviertel, dem Wiener Becken und der Oststeiermark zu entdecken.

Der Vierkanthof
Der Vierkanthof bildet sich aus dem zweigeschossigem Wohnhaus, dem Stall, der Scheune und dem Schupfen. Diese Elemente bilden im Quadrat oder Rechteck ein völlig geschlossenes, mächtiges Bauwerk mit firstgleicher Überdachung. Zu finden ist diese Hoffform hauptsächlich in der Traun-Enns-Platte östlich von Amstetten und in der Gegend um Steyr.

Der Oberkärntner Paarhof
Der Paarhof ist im ganzen Ostalpenraum vertreten, der Schwerpunkt liegt aber in Osttirol und Oberkärnten. Sonderformen finden sich auch im Salzburger Pinzgau oder auch in Tirol. Der Paarhof besteht aus meist parallel gereihten Großbauten, dem Wohn- und Speicherhaus, dem Feuerhaus und der Stellscheune (auch das Futterhaus genannt).
In den großen Stallscheunen liegen die Stallungen im Erdgeschoss. Die Scheunen sind meist in Hanglage zu finden und von der Bergseite befahrbar. Die jüngeren Gehöfte haben gemauerte Erdgeschosse.

Der Pinzgauer Einhof
Der Pinzgauer Einhof ist die am weitest verbreitete Gehöftsform im Alpengebiet. Wohnhaus, Stall und Scheune sind unter einem Dach vereint. Diese werden sehr oft auch als „Oberbayrische Haupthäuser“ bezeichnet.

Das Wippetaler Haus

Das Wippetaler Haus ist ein meist einstöckiger, gemauerter Einhof. Charakterisiert ist seine durch das ganze Haus führende Tenne, auf deren einen Seite Stube, Küche und Speisekammer (Speis), auf der anderen Seite die Stallungen liegen. Bei Gehöften in der Hanglage ist die im Obergeschoss gelegene Tenne von der Bergseite befahrbar. Das Wippertaler Haus kann man vermehrt im Pustertal als auch im Unteren Iseltal bewundern.

Der Osttiroler Einhof
Der Osttiroler Einhof ist nach dem Vorarlberger Rheintalhaus gestaltet, eines ursprünglichen Blockbaues mit in Firstrichtung hintereinander gelegenem Wohnhaus und Stadel. Meistens sind die Blockwände mit den in Vorarlberg üblichen Kleinschindeln gedeckt.

Das Bregenzerwälderhaus
Typisch für das, wie der Name schon sagt, im Bregenzer Wald dominierende Bauernhaus, ist der Kleinschindelpanzer und das flache Satteldach.

Neben diesem Umriss der bäuerlichen Siedlungs- und Bauformen haben wir den Blick auch bereits auf die Schulen und Kirchen, die Feuerwehr- und Gemeindehäuser, die Brücken und Silos gelenkt, es gibt noch sehr vieles zu entdecken und zu erforschen. Aber das ist eine andere Geschichte.