Die Jautkeusche

Veröffentlicht von: am 24. September 2010

Über Authentizität und gebaute Tradition.

Die Nationalparkgemeinde Großkirchheim liegt idyllisch eingebettet zwischen Sonnblick- und Schobergruppe im Mölltal, beinahe schon am Fuße des Großglockners (da liegt nur noch Heiligenblut dazwischen). Wie der Name bereits verrät ist die Gemeinde Zentrum und administrativer Sitz des Nationalparks Hohe Tauern. Wie man sich ob der damit einhergehenden Aufgaben denken kann, sind die Großkirchheimer naturverbundene, gesellige Menschen mit Sinn für Tradition, Kultur und Gemeinschaft.

Diese sympathischen Eigenschaften der Döllacher mögen wohl auch die Basis dafür sein, dass diese Ortschaft ein fruchtbarer Boden für kreative, weltoffene Denker und Gestalter ist. So ist Döllach die Heimat von Filmemacher Hubert Sauper (Oskarnominierung für die beste Dokumentation „Darwin`s Nightmare“ im Jahre 2006) und auch Gestaltungs- und Wirkungsraum eines besonderen Kreativteams: Manfred Kanzian, gebürtiger Gailtaler und kongenialer Partner des ortsansässigen Tischlermeisters Klaudius Granitzer, sowie der studierte Kunsthistoriker und in den USA lebende Wolfgang Hofherr, Antiquitätenhändler und Erhalter authentischen Baukulturerbes, bilden ein Team, das sich besser nicht ergänzen könnte. Ihr ausgeprägter Sinn für die Erhaltung von traditionellem Baukulturerbe und den einhergehenden unabdingbaren Handwerkstraditionen bilden die Grundlage für ihre Arbeiten. Sie nehmen sich vom Verfall bedrohter Bauwerke an, restaurieren diese mit dem ihnen gegebenen Gespür für Tradition und Kultur, aber auch Moderne.

Für die beiden Gestalter ist die Auseinandersetzung mit dem (Stand-)Ort eine wesentliche Grundlage für ihr Wirken und Werken. So setzen sie sich mit den ursprünglichen dörflichen Strukturen auseinander und begreifen diese Siedlungen als Hilfs-, Glaubens- und Kulturgemeinschaften, die in der Lage waren, sich gemeinschaftlich zu versorgen und zu beschützen. Die damit einhergehende Pflege und Qualität der Gesellschaft wie auch des Kulturlandes sind selbstredend. Der schleichende soziale Wandel, ausgelöst durch Industrialisierung und Landflucht in den letzten 100 Jahren, brachte auch starke Veränderungen in den angesprochenen dörflichen Strukturen mit sich. Die Gemeinschaften begannen sich aufzulösen, viele Bauern gaben ihre Höfe auf und Kulturland begann zu veröden. Siedlungseinheiten wie der Weiler oder die Rotte verschwanden nicht nur aus den amtlichen Aufzeichnungen. Mittlerweile haben wir heute schon Schwierigkeiten eine verbindliche Definition für das „Dorf von Heute“ zu finden, so Wolfgang Hofherr.

Natürlich hat dieser soziale Wandel starke Auswirkungen auf Bautradition, Kultur und Architektur an sich. Neue Baumaterialien konnten teilweise über große Distanzen herbeigeschafft werden, die gebaute Architektur wurde ortsunabhängig und so ersetzten mehr und mehr gerade Betonwände charakterstarke Holzgewerke und turmhohe Silos jahrhunderte alte Getreidespeicher. Die alten, eine Lebensform verkörpernden Baustrukturen verschwanden zunehmend. Die jungen Generationen verfluchten gar ein Aufwachsen in einem alten Bauernhaus, so Wolfgang Hofherr weiter – es musste einfach „etwas Modernes“ her.

Allerdings konnte sich auch einiger Altbestand über die Jahrzehnte retten und genau hier sehen die zwei Protagonisten ihre gemeinsame Aufgabe: „Es gilt Tradition und Kulturgut zu erhalten und weiterzugeben anstatt abzureißen!“ So machten sich Manfred Kanzian („Mani ist ein weltoffener Bergsteiger, Naturliebhaber, Schöngeist und obendrein begnadeter Tischler. Er könnte eigentlich der Enkel Luis Trenkers sein,“ so Wolfgang Hofherr) und sein Partner in den letzten drei Jahren daran, ihre sich selbst gestellten Aufgaben zu erfüllen. Neben einem alten Gehöft im nahen Heiligenblut nahmen sie sich auch einem alten, knapp vor dem Verfall stehenden Holzhaus im Herzen Döllachs an. „Eine Keusche, die keiner haben wollte“ – genannt Jaut Keusche. Sie achteten in jedem Arbeitschritt penibel darauf das Haus in seinem Gefüge zu erhalten, neue Techniken spielend zu integrieren und somit die alten Strukturen mit neuem Leben zu erfüllen.

So besticht jedes von den zwei Gestaltern gerettete Gebäude durch eine Wohnqualität, die modernen Ansprüchen mehr als gerecht wird. Sie gehen stets mit der notwendigen Behutsamkeit an die Restaurierung heran, schaffen aber zugleich Räume, die dazu einladen „gleich morgen selbst einzuziehen“, wie es Wolfgang Hofherr ausdrückt.

Wenn man das Ergebnis betrachtet, die Atmosphäre in den revitalisierten alten Gemäuern spürt, wird einem schlagartig klar, wie die beiden arbeiten, mit welchem Feingefühl jeder Handgriff vorgenommen wird. Die Materialien sind in jedem Detail auf den Altbestand abgestimmt, in der Umsetzung wird auf handwerkliche Traditionen zurückgegriffen.

Das berühmte i-Tüpferl wird dann durch die finale Dekoration gesetzt. Überraschende Accessoires aus lokalen wie auch internationalen „Schatzkisten“ füllen den Raum dezent, das eine oder andere Mal auch durchaus mit Augenzwinkern. Wolfgang Hofherr bringt neben seinem fundierten Zugang zu Kunsthistorie und Revitalisierungsprozessen auch seine Expertise als Kunst- und Antiquitätenhändler ein. Er ist unter der Marke „Authentic Provence“ als internationaler Kunst- und Antiquitätenhändler tätig, wodurch er über einen umfangreichen Fundus an passenden und authentischen Accessoires verfügt.
Manfred Kanzian und Wolfgang Hofherr konnten also dem beschaulichen Dörfchen Döllach und dem regionalen Kulturerbe mit der Jaut Keusche ein kleines Denkmal erhalten. Uns bleibt zu wünschen, dass sich die beiden noch vielen weiteren gebauten Botschaftern einer Zeit annehmen, als Architektur noch authentischen Lebensweisen einen Raum schuf.