Der Mann, der mit den Schlapfen ging

Veröffentlicht von: am 1. September 2010

Eine besondere Pilgerreise.

Pilgern ist zurzeit ziemlich im Trend. Fast jeder erfolglose Schauspieler, Liedermacher oder Autor macht sich auf den Weg, um sich durch das kilometerlange Wandern neu inspirieren  zu lassen. Versuche, das Erlebte medial auszuschlachten um so die Einkommenskasse aufzubessern, funktionieren aber eher schlecht als recht.
Es ist unumstritten – Pilgern führt bei jedem Menschen zu einer ganz besonderen Erfahrung. Wem es allerdings gelingt am Pilgerweg einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, der verleiht dem Ganzen eine wirklich einzigartige Note. Pfarrer Jürgen Öllinger hat dies mit Spiritualität, Vielseitigkeit und Witz geschafft und das noch dazu am populärsten aller Pilgerwege – dem Jakobsweg.

Es geschah als sich der evangelische Pfarrer zum dritten Mal nach Spanien aufmachte um einen Teil des Jakobswegs in Angriff zu nehmen.
Die ersten Erfahrungen am Camino de Santiago sammelte Öllinger aber schon Jahre früher, mit seinem Vater. Gemeinsam wanderten die beiden am französischen Weg bis nach Burgos. „Es war eine spannende, gute Reise die auch in die Geschichte meiner Familie einging“, erzählt Öllinger. Die zweite Etappe erlebte Jürgen dann mit seiner Frau Petra. Damals führte die Reise von Burgos bis Leon. Auch an diese Woche erinnert er sich noch gerne zurück.
Der dritte Besuch des Jakobsweges ging dann allerdings ein wenig anders vonstatten. Jürgen Öllinger reiste alleine in den Norden von Spanien. Er hatte keine Karte bei sich und über zwei Wochen Zeit.

Jeder Mensch der länger zu Fuß unterwegs ist weiß, wie wesentlich dabei das Schuhwerk sein kann. Wenn einmal Blasen aufsteigen zwingt das den sportlichsten Menschen buchstäblich in die Knie – da kann die Kondition noch so gut sein. Nach tagelangem Wandern war es auch bei Jürgen soweit. Die leichten Bergschuhe, die er bewusst wegen der vielen Höhenmeter gewählt hatte, hinterließen deutliche, offene Spuren auf seiner Haut.
Aus der Not machte er eine Tugend und begann mit Zehensandalen weiter zu marschieren. Nach einem Tag Umgewöhnungszeit wurde das Tempo auch bald wieder flotter. Die Kommentare der anderen Pilger, die sich zum Teil mit ihren schweren Bergschuhen quälten, fielen sehr originell aus, als Jürgen Öllinger mit seinen Plastikschlapfen förmlich an ihnen vorüber schwebte.
Er fühlte sich leicht, keine Druckstellen und Reibflächen quälten ihn mehr und die Meeresluft sowie das Salzwasser waren für seine Füße eine unglaubliche Wohltat. So behielt der Pfarrer die Schlapfen bis zum letzten Tag an. Selbst als Öllinger die Heimreise am Flughafen antrat, beziehungsweise „anschlapfte“, trug er noch immer seine Sandalen. Bei den anderen Pilgern ging der evangelische Pfarrer mit dem Spitznamen „Mister Flipflop“ in die Geschichte des Jakobsweges ein.

Jürgen wird sein Jakobswegerlebnis niemals vergessen. Den anderen Pilgern sollte „Der Mann, der mit den Schlapfen ging“ aber auch ewig im Gedächtnis bleiben.

Der Jakobsweg im Norden Spaniens wird auch „englischer Weg“ genannt. Pilger aus England, die bereits an der Küste Frankreichs ihren Weg nach Santiago di Compostela suchten, setzten diesen Weg an der Küste Spaniens fort. Der Weg im Norden ist bekannt für größere Höhenunterschiede. Es werden Hügel bis zu 600 Meter Höhe erklommen, um dann wieder zurück ans Meer zu pilgern. Zudem ist die Dichte der Herbergen geringer als auf dem französischen Weg. Von der Länge her ist der englische Weg ähnlich, also ca. 800 km von den Pyrenäen bis zum Ziel. Mit Englisch kommt man besser voran als mit Spanisch, da man einen Teil durch das Baskenland pilgert und die Basken das Spanische nicht so sehr lieben.

Jürgen Öllinger, 42 Jahre jung, ist seit 2000 evangelischer Pfarrer in Villach. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
Er lehrt an der CHS Villach, ist sehr sportlich (Ironman) und literarisch (Lesen und Schreiben) interessiert.