Wahrheiten über den Kärntner Wein

Veröffentlicht von: am 31. August 2010

Um den Kärntner Weinbau ranken sich viele Legenden

In vino veritas – Im Wein ist Wahrheit“ lautet eine bekannte lateinische Redewendung. Wieviel Wahrheit allerdings wirklich in den unzähligen Geschichten steckt, die den Kärntner Wein umranken, lässt sich nur durch historische Untersuchungen ermessen.
Was die meisten nicht wissen: Der Kärntner Wein ist stark im Kommen und die Wiederbelebung des Kärntner Kulturgutes Wein schreitet stetig voran. Um eine weitere lateinische Redewendung zu strapazieren, gehen wir in medias res zu den Kärntner Rebwurzeln, und räumen mit einigen Vorurteilen endgültig auf.

Klima-Legende
Der Kärntner Weinbau hat zwar keine große, dafür aber eine lange und gut beurkundete Geschichte. Dass Weingärten schon vor über 1000 Jahren schriftliche Erwähnung fanden, ist in Kärnten nahezu in Vergessenheit geraten. Dabei zeugen etliche regionale Vulgo- und Flurnamen mit eindeutigem Bezug zum Weinbau von einer ehemals breiten Streuung des Weinbaus in Kärnten. Thomas Zeloth vom Landesarchiv kam nach einer systematischen Auswertung von Urkunden zu dem Schluss, dass sich die Entwicklung in mehreren Schüben abspielte.
Um 950, 1050, 1450 kam es jeweils zu einer Ausweitung des Weinbaus, wobei diese nicht unbedingt mit Klimaerwärmungen synchron lief. Die höheren Temperaturen und längeren Trockenphasen der letzten Jahre kamen dem Weinbau zwar stark zugute, aber auch in raueren Jahrzehnten wurde Wein angebaut.

Säure-Legende
Viele Durchreisende mokierten sich oft über den hohen Säuregehalt des Kärntner Weins. Diese Urteile, die heute noch in Vorurteilen weiter-leben (z.B. Sauerampfer), werden von Weinhalbwissenden gerne mit der klimatischen Situation in Verbindung gebracht. Dabei lag der Hauptgrund für den hohen Säuregehalt an der Sortenwahl.
Die Kärntner Weingärten waren meist klein und zum Teil sehr weit gestreut, sodass es im Herbst zu einem ungünstigen Vögel-Trauben-Verhältnis kam. Daraus resultierend wurde auf Spätsorten wie den Weißen Heunisch oder den Blauen Wildbacher gesetzt, die nebenbei auch besonders frosthart waren. Ertragssicherheit vor Qualität lautete also das Motto und die Weinbauern hielten bis zum „sauren“ Ende des Kärntner Weinbaus an den „autochthonen“ Sorten fest.
Seit dem Neubeginn in den 1970er Jahren gehören Vogelschutznetze zur Grundausstattung jedes Weingartens. Aus Angst vor zu später Reife wurde mit Frühsorten begonnen, doch die Winzer erkannten bald, dass auch mit den bekannteren späteren Sorten qualitativ bessere Weine hergestellt werden können.

Schilcher- und Gesundwein-Legende
Aus dem 19. Jahrhundert ist belegt, dass der Wein des Gebietes um Sittersdorf aufgrund seiner „Eigenartigkeit“ sehr beliebt war und hohe Preise erzielte. Es handelte sich um einen hellen Rotwein aus der Sorte Blauer Wildbacher, der wie sein Pendant in der Weststeiermark als Schilcher bezeichnet wurde. Klar ist, dass diese Bezeichnung heute nur im benachbarten steirischen Weinbaugebiet verwendet werden darf.

Unklar ist jedoch, ob dieser Weintyp nicht doch ein Kärntner Genuin ist. Das sture Beharren der Weststeirer auf dieser Sorte hat sich jedenfalls bezahlt gemacht, denn heute wird der Schilcher aufgrund seiner markanten Farbe, Aromatik und Säure in der Weinszene sehr geschätzt.
Dem Sittersdorfer „Schilcher“ wurden überdies Heilkräfte zugeschrieben, die auch den spanischen König Karl III von einem Magen-leiden erlöst haben sollen. Aufgrund enger diplomatischer Beziehungen ist es sehr wahrscheinlich, dass der König den „Sittersdorfer“ trank. Dass der eher säurebetonte Wein verdauungskurierende Wirkung hatte, muss aus heutiger medizinischer Sicht allerdings bezweifelt werden.

Lagen-Legende
Weinbau wurde in Kärnten wie auch in anderen Gebieten fast ausschließlich auf steilen Hängen betrieben, dort also, wo Ackerbau nicht mehr möglich war. Auf den nicht terrassierten Hängen führte starke Erosion allmählich zu Ertragsverminderung. Überdies wurde vom beschränkt vorhandenen Wirtschaftsdünger immer mehr in den Ackerbau investiert und die Weingartenböden verarmten.
Der enorme Aufwand wurde trotz hoher Weinpreise, finanziell durch die Erträge nicht mehr abgedeckt. Die Rebflächen wichen langsam dem Anbau von Obst oder Forst. Das Verschwinden des Weines hatte also weniger klimatische als vielmehr wirtschaftliche Gründe. Seit einigen Jahren wird dieser Prozess mit großer Passion wieder umgekehrt und die mit hohem Aufwand verbundene Gewinnung von Flächen und Schaffung von Infrastruktur vorangetrieben.

Motivations-Legenden
Der Weinbau in Kärnten war kaum wirtschaftlich oder qualitativ motiviert. Die Frage „Warum in Kärnten Wein angebaut wurde?“ führte Historiker Thomas Zeloth zunächst in klerikale Gefilde.
Im Mittelalter benötigten die Geistlichen „Messwein-Reserven“, um auch bei Import-Engpässen aus dem heutigen Italien und Slowenien Messen zelebrieren zu können.
Aus diesem Grund entwickelten sich die Kärntner Weinbauzentren häufig um Stifte, Klöster und Bischofssitze.
Den weltlichen Herrschern ging es eher um die edle Optik der Weingärten rund um ihre Burgen und Schlösser. Sie bauten Wein zum Teil in Höhenlagen an, wo es heute niemand mehr wagen würde.
Der Import von Wein aus Italien und Slowenien funktionierte im Mittelalter sehr gut und deckte den Bedarf der Oberschicht vollständig ab. Da auf dem in Kärnten gekelterte Wein keine Zölle und Transportkosten
lasteten, gelangte dieser hauptsächlich in den öffentlichen Ausschank und wurde zum Volksgetränk. Mit der Aufhebung der Klöster durch Josef II. (Ende 18. Jahrhunderts) und der Abschaffung der Binnenzölle in der Monarchie geriet der Kärntner Wein preislich jedoch enorm unter Druck.

Reblaus-Legende
Der Untergang des Kärntner Weins mit Ende des 19. Jahrhunderts wird oft mit dem Auftreten der Reblaus in Verbindung gebracht. Ob der aus Amerika eingeschleppte Schädling jemals die Karawanken überschritten hat, gilt allerdings als sehr unwahrscheinlich. Bewiesen ist hingegen, dass der Mehltau der wiederholten Aufbruchsstimmung im Kärntner Weinbau zu dieser Zeit ein jähes Ende bereitete. 1883 wird die Pilzkrankheit das erste Mal im Lavanttal beschrieben. Erst als der Ertrag schon auf ein Viertel der Jahre zuvor gesunken war begannen die Winzer mit der Bekämpfung. Ab diesem Zeitpunkt siechte der Kärntner Weinbau nur noch vor sich hin, bis er in der Zwischenkriegszeit erlosch. In Hausgärten wurden zwar auf mehl-tauresistente amerikanische Sorten zurückgegriffen, doch aus diesen
Sorten ließ sich nur ein Uhudler-    artiger Wein (im Volksmund „Heckenklescher“) gewinnen.
Um dem intensiven Pflanzenschutz zu entgehen, den der Falsche Mehltau mit sich gebracht hat, greifen Kärntner Winzer nun vermehrt auf neue, schädlingsresistente Sorten zurück die durch Kreuzung von
amerikanischen mit europäischen Reben entstanden sind. Von Bioweinbausorten wie Solaris, Johanniter, Regent oder Cabernet Cortis wird in Zukunft auch international sehr viel zu hören und kosten sein.

Seit den frühen 70er Jahren wird der Wiederaufbau von Weingärten in Kärnten forciert. Die 1999 etablierte Ausbildung zum Kärntner Winzer und Kellerwart ist ein weiteres Indiz für den Aufwärtstrend des Kärntner Weinbaus. Seinen jüngsten Höhepunkt erlebte der Kärntner Wein im Mai des heurigen Jahres. Bei der ersten Kärntner Weinpräsentation im Schloss Maria Loretto kredenzten elf Winzer des Arbeitskreises „Wein aus Kärnten“ insgesamt 29 qualitäts-    geprüfte Weine. Die Kärntner
Winzer arbeiten emsig daran, dass bald eine flächendeckende Versorgung der Freunde des Kärntner Weines ermöglicht wird.

Untersuchungen im Rahmen der Weinbauprojekte der Landwirtschaftskammer Kärnten und der Gemeinde Sittersdorf beschäftigten sich intensiv mit der Geschichte des Kärntner Weinbaus.

Von den 170 Weinbauern des Kärntner Weinbauverbandes, haben sich 38 zum Arbeitskreis „Wein aus Kärnten“ zusammengeschlossen, der sich mit der Vermarktung des Kärntner Weines beschäftigt. Mit der Marke „Wein aus Kärnten“, die unter der Dachmarke „Genussland Kärnten“ operiert, werden ausschließlich geprüfte Weine beworben. Die aktuelle Weinliste und nähere Infos sind auf der Homepage des Arbeitskreises zu finden:
http://www.weinauskaernten.at.

Mag. Erwin Gartner
Sprecher des Arbeitskreises „Wein aus Kärnten“
Obstbauversuchsanlage der Landwirtschaftskammer Kärnten
Schulstraße 9
9433 St. Andrä im Lavanttal
t  +43 676 83 555 456
e  e_gartner@lk-kaernten.at

 

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