„Zåmmgreifen – Los“

Veröffentlicht von: am 31. August 2010

Die starken Männer der Nockberge.

Wenn dann das Kommando „Zåmmgreifen – Los“ durch die Nockberge tönt, entscheidet nur noch Technik, Kraft und Schnelligkeit über den Sieg. Jährlich ermitteln die stärksten und geschicktesten Männer der Nockberge den besten Ringer des Landes. Ein skurriles Gaudium für die Zuseher? Keineswegs, denn neben beeindruckenden sportlichen Leistungen wird beim Ringen in den Nockbergen auch auf das Brauchtum nicht vergessen.
Jährlich um die Pfingstfeiertage überkommt die ansonsten so beschaulichen Dörfer in den Nockbergen eine spürbare Unruhe. Ab diesem Zeitpunkt treten nämlich junge Männer aus den verschiedensten Gemeinden des Nockgebietes in einen traditionsreichen Wettstreit. Über den Sommer hinweg wird an ausgewählten Sonntagen der beste Ringer des Landes ausfindig gemacht. Neben Ruhm und Ehre geht esnebenbei auch um tolle Sachpreise.

Höhepunkt der diesjährigen Saison waren die Kärntner Landesmeisterschaften in der Ringer-Hochburg Fresach am 24. August. Der Sieger dieses Wettbewerbs durfte sich die begehrte Landesmeisterschleife umhängen lassen. Zwei Wochen später folgte beim Abschlussringen am Wachsenberg noch die Krönung des Gewinners der Jahresgesamtwertung.

Um dem ersten Auftreten des Ringkampfes in den Nockbergen näher auf den Grund zu gehen, müssen wir das Rad der Zeit aber doch einige Jahrhunderte zurückdrehen.
Der Ursprung des Ringens in Kärnten geht wahrscheinlich auf die Keltenzeit zurück. Somit zählt das Ringen zu den ältesten Sportarten in unseren Breiten. Erste Schriftstücke belegen, dass in den Nockbergen schon in Zeiten des Mittelalters heftig gerangelt wurde. Das männliche Kräftemessen um Ruhm, Ansehen und materielle Besserstellung diente in der damaligen Zeit zur Feststellung der Rangordnung unter den Dorfbewohnern.
Damit die Akteure dabei nicht ernsthaft verletzt oder gar getötet wurden, gilt seit jeher die Einhaltung der strengen Regeln als oberste Maxime in diesem beinharten Kampf von Mann gegen Mann. Besonders stolz wähnen sich die Ringer der Nockberge, dass der noch erhaltene uralte Brauch seine ursprüngliche Form bis in die Gegenwart beibehalten hat.

Als die Mädels noch ausgerungen wurden
Grundlegend verändert hat sich beim Kärntnerischen Ringen eigentlich nur die Rolle der Frau. Die Damen der Schöpfung dürfen bis zum heutigen Tage das Spektakel nur als Zuseherinnen mitverfolgen – was allerdings die wenigsten drastisch stört. Ihre ursprüngliche Rolle als großer Hauptpreis sind die Frauen indessen schon länger losgeworden – was auch den wenigsten ausgesprochen missfällt.

Überliefert ist jedenfalls, dass in früheren Zeiten die heiratsfähigen Mädchen ausgerungen wurden. Ob der stärkste Mann in der Gunst der Frauen da ganz oben gestanden hat, ist – wie resultierende Ehe-Dramen – in den jahrhundertealten mündlichen Überlieferungen nicht herauszuhören oder anscheinend ganz verloren gegangen.
Heutzutage wird also nicht mehr um die schönen Mädchen gerungen, obgleich sich das einige gestandene Mannsbilder natürlich noch immer wünschen würden. Zu Gewinnen gibt es vom jeweiligen Veranstalter ausgeschriebene Sachpreise.

Da sich die Jünglinge in der Nock-region nicht mehr im Ringkampf beweisen müssen um unter die Haube zu kommen, wird in den Ringervereinen hoher Wert auf die Jugendarbeit gelegt. Es gilt schließlich den Brauch weiterzuführen. Neben der allgemeinen Klasse, in der die besten Ringer des Landes gekürt werden, ermitteln auch drei unterschiedliche Jugendklassen ihren Kärntner Meister im Ringen.

Überdies spielte das Ringen auch in der Namengebung der südlichen Nockberge eine Rolle. Die Bezeichnung Gerlitzen ist vom altslawischen Gorelice (goreti=brennen) abgeleitet und weist auf eine Brandstätte hin. Aufzeichnungen zufolge wurden am Abend vor den Ringkämpfen weithin sichtbare Feuer entfacht, um so die umliegenden Täler von der Veranstaltung in Kenntnis zu setzen. So oder ähnlich funktionierten also Einladungen in der Zeit vor dem E-Mail-, Telefon- oder Briefverkehr.

Globale Sportart und lokales Brauchtum
Der Ringkampf als Sportart hat auch bei vielen anderen Völkern dieser Welt große Tradition. Unter dem Namen „Pale“ gehörte das Ringen schon bei den Olympischen Spielen der Antike zu den Disziplinen des Fünfkampfes. Fest im Olympia -Programm verankert ist der Ringkampf auch seit Beginn der Olympischen Spiele der Neuzeit im Jahre 1896.

Im Vergleich zu den olympischen Ringkampfbewerben im griechisch-römischen Stil und Freistil bestehen die Ringer der Nockberge aber auf ihre eigenen mündlich überlieferten Regeln. Darin werden nicht nur rein sportliche Reglements, sondern auch das uralte Brauchtum in den Mittelpunkt gestellt. Eine Triebfeder, welche die Ringer veranlasste sich zur Brauchtumsgruppe „Ringer des Nockgebietes“ in der Gemeinschaft des Kärntner Bildungswerks zusammen zu schließen.

Alleine das Kampfgewand beweist, dass beim Ringen in den Nockbergen großes Augenmerk auf die Brauchtumspflege gelegt wird. Die traditionelle Ringer-Tracht besteht aus einer festen Lodenjacke und einer Kniebundhose. Die Protagonisten der Ringer-Hochburg Fresach kleiden sich beispielsweise konventionell in Weiß, während die Kontrahenten aus Arriach traditionell in Grün antreten.

„Zåmmgreifen – Los“ – Das Spektakel kann beginnen

Bevor das Kommando „Zåmmgreifen – Los“ durch die Nockberge hallt, werden die ersten Paarungen durch Losentscheid bestimmt. Folgend packen sich auch schon die Kontrahenten gegenseitig an Kragen und Rockzipf – alle anderen Stellen sind passé – und das Kräftemessen kann beginnen. Mit den Beinen ist jeder Angriff und Trick erlaubt und nach zwei Minuten oder maximal zwei Würfen ist der Kampf beendet. Der Gegner gilt als besiegt wenn er mit einem Körperteil vom Knie aufwärts den Boden berührt.
Ein Ringkampf dauert vier Runden und der Ort des Geschehens ist ein eigens errichteter Ringerplatz. Die Arena hat einen Durchmesser von zirka zehn Metern und ist begrenzt von mannshohen Pfählen die mit einem starken Seil den Kampfplatz vom Zuseherbereich trennen.

Nach Beendigung des Rundenringens werden bei jedem Ringer die Schlechtpunkte von den Pluspunkten abgezogen und somit die Reihenfolge für das Ausringen der Preise ermittelt. Im Ringerjargon nennt sich das „Rittern“. Jene mit den wenigsten Würfen treten zuerst gegeneinander an und der jeweilige Sieger steigt immer in die nächste Runde auf. Dieses System ermöglicht auch den schlecht platzierten Ringern des Rundenringens sich bis zum Sieg durchzurittern.

Dass der große Gewinner bei einer durchschnittlichen Teilnehmerzahl von 20 Ringern oft erst nach Stunden überbleibt und die Ringergruppen ihren Gewinner anschließend heftig feiern, muss nicht angeführt werden.

Kontakt
Ringergruppe Fresach
Hans Walder
Dorfstraße 80
9712 Fresach
e  hans.walder@aon.at